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16.04.2002

Erfolg mit System - aktuelle Publikation Verkehrs-Rundschau vom 12.04.2002


Detlef Kükenshöner von System Alliance über die Chancen und Risiken deutscher Stückgut-Kooperationen.
Verkehrs-Rundschau: Einen Kreis von mittelständischen Gesellschaftern innerhalb einer Kooperation zu managen, ist schwieriger als einen Sack Flöhe zu hüten &
Detlef Kükenshöner: (lacht) In gewisser Weise ist die Aufgabe eines Kooperationsgeschäftsführers der permanente Versuch, 40 Ping-Pong-Bälle ohne Hilfsmittel unter Wasser zu halten. Dies dürfte die Herausforderung einer solchen Position deutlich beschreiben. Denn es wird einem nie gelingen, immer klare Konsenslösungen zu finden, die von allen Gesellschaftern mitgetragen werden. Die Kunst besteht also letztlich darin, durch entsprechende Vorarbeit und aktive Information die Systempartner so zu stellen, dass notwendige Entscheidungen auch getroffen werden.

Verkehrs-Rundschau: In welchem konkreten Fall mussten Sie einen Kompromiss eingehen, den Sie im nachhinein bereut haben?

Kükenshöner: Mann muss in einer Partnerschaft immer Kompromisse eingehen, ob sie einem gefallen oder nicht. Gerade beim Zusammenlegen bestimmter Aktivitäten wie beim Zusammenschluss von System-Gut und Fortras ist das unbedingt notwendig, sonst scheitern sämtliche Kooperationsbemühungen.
Im nachhinein aber bereue ich, dass wir uns seinerzeit auf eine dezentrale EDV-Lösung geeinigt haben. System Alliance hat zwar eine zentrale "EDV-Klammer" mit den Modulen EDI-Center, Clearing, Tacking & Tracing, Key-Account-Management und der Beschaffungslogistik. Die speditionelle Anwendungssoftware unserer Partner läuft allerdings noch dezentral. Das gesamte operative Geschäft wird also DV-technisch vor Ort abgewickelt. Diesen Kompromiss sind wir nur den vormaligen Fortras-Partnern zuliebe eingegangen. Denn die damaligen Gesellschafter von System-Gut hatten bereits mit einheitlicher Software gearbeitet und online über eine Standleitung Zugriff auf das zentrale Rechenzentrum in Niederaula gehabt.

Verkehrs-Rundschau: Zu welchen Nachteilen führt die dezentrale EDV-Lösung in der Praxis?

Kükenshöner: Es kostete uns bei der Zusammenlegung beider Kooperationen sehr viel Kraft, die gesamten Produkte, die wir bei System-Gut schon hatten, in der neuen Allianz einheitlich abzubilden. Der Programmieraufwand war immens. Außerdem macht uns diese Kompromisslösung nach vorne unflexibler, weil wir jede software-technische Änderung innerhalb unserer EDV in den dezentralen Programmen der Speditionen vor Ort abbilden müssen.

Verkehrs-Rundschau: Was den Zusammenschluss zu System Alliance sicherlich auch erschwerte, war die Tatsache, das einige vormalige Partnerspeditionen diesen Schritt nicht mittragen wollten....

Kükenshöner: Es läuft dies nie ohne Reibungsverluste ab, wenn sich zwei Systeme zusammenschließen. Uns machte es tatsächlich anfangs zu schaffen, als sich die vormaligen System-Gut-Gesellschafter P & O in Mannheim und die Spedition Ewald in Kempten unseren Integrationsbemühungen nicht anschlossen. Andererseits gewannen wir mit den Unternehmen SieFu, Cretschmar, Pfenning, Elsen, Meyer und Diehl sechs neue Gesellschafter hinzu. In der ersten Zeit mag dies zwar zu kleineren Problemen im Tagesgeschäft geführt haben, weil sich die neuen Partner naturgemäß auf das neue System einstellen mussten. Mittlerweile aber haben wir sämtliche Zusammenschluss-Probleme gelöst, und wir blicken gestärkt nach vorne.

Verkehrs-Rundschau: Fakt ist aber, dass Ihnen in jüngster Zeit einige Partner wie die Speditionen SieFu in Langenbach und Pfenning, weggebrochen sind, weil beide Konkurs anmelden mussten. Wie riskant sind derartige Entwicklungen für Ihr Netz?

Kükenshöner: Unser Netzwerk war zu keiner Zeit gefährdet. Das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich betonen. Nichtsdestotrotz war es insbesondere im Raum Mannheim, der zu den aufkommensstärksten Regionen unserer Kooperation zählt, relativ schwierig, einen qualifizierten Partner zu finden. Seit Januar diesen Jahres arbeiten wir aber mit der Spedition Unverricht in Mannheim zusammen und sind darüber sehr zufrieden. Auch für die Spedition SieFu haben wir guten Ersatz gefunden. Zunächst sah es danach aus, dass sich ein Investor für das Unternehmen finden würde, der in unser System eingebunden werden wollte. Diese Möglichkeit hat sich Mitte Februar zerschlagen. Andererseits konnten wir, insbesondere dank der Initiative der Spedition Cretschmar Cargo in Düsseldorf, die Mengenströme erfolgreich umleiten. Unsere Dienstleistung war also zu keiner Zeit gefährdet.

Verkehrs-Rundschau: Auch nicht, als Thiel Logistik Ihren Partner Birkart Globistics übernahm?

Kükenshöner: In diesem Fall hatten wir Glück im Unglück. Bei dem Aufkauf von Birkart Globistics durch die Thiel-Gruppe handelt es sich ja um eine freundliche und keine feindliche Übernahme. Außerdem signalisierte uns die Thiel-Gruppe bereits, dass Birkart auch künftig Systempartner und Gesellschafter von System Alliance bleiben wird. Nur im Raum Aschaffenburg/Rhein-Main wird die Spedition ihre Aktivitäten einstellen. Aber auch hier stehen wir in sehr erfolgsversprechenden Gesprächen mit einer bedeutenden Spedition in diesem Gebiet.

Verkehrs-Rundschau: Es handelt sich dabei nicht zufällig um den derzeitigen IDS-Partner, die Spedition Kayser?

Kükenshöner: Das haben Sie gesagt. Aber es stimmt. Wir stehen derzeit tatsächlich mit der Spedition Kayser in Verhandlungen. Allerdings ist er bislang "nur" als Drittpartner für unser System tätig. Gesellschafter von System Alliance ist er noch nicht. Mehr sage ich Ihnen dazu nicht.

Verkehrs-Rundschau: Dann verraten Sie uns: Wie riskant ist für System Alliance die derzeitige Rosinenpickerei größerer Konzerne wie der Thiel-Gruppe, die sich derzeit kräftig in die mittelständische Speditionslandschaft einkauft?

Kükenshöner: Dies ist eines der größten Probleme, mit denen derzeit Kooperationen zu kämpfen haben. Dem Verbund System Alliance bleibt in diesem Fall nur die Möglichkeit, parallel zu unseren bestehenden Partnerschaften auch mit anderen Speditionen regelmäßig in Kontakt zu stehen, um für den Worst Case einen Ersatzspediteur an der Hand zu haben, über den wir unsere Sendungen abwickeln können. Um unser System abzusichern, müssten also auch wir bei anderen Kooperationen Rosinen picken. Andernfalls könnten wir nicht mehr die engen Zeitfenster unserer Verlader einhalten. Aber das machen im übrigen andere Stückgut-Kooperationen auch. Das ist in den heutigen Zeiten leider fast normal.
Darüber hinaus sehe ich aber eine ganz andere Gefahr auf deutsche Spediteure zukommen, die tatsächlich für viele das Aus bedeutet, falls sich die Situation hier nicht bessert....

Verkehrs-Rundschau: Das klingt sehr vage.

Kükenshöner: In diesem Jahr werden noch etliche mittelständische Speditionen sterben. Nicht aber, weil sie insolvent geworden sind, sondern weil sie sich in der Liquiditätsfalle befinden. Mittlerweile gewähren viele Banken Speditions- und Transportunternehmen nicht einmal mehr Kontokorrentkredite, wenn diese beispielsweise aufgrund ausstehender Kundenforderungen Liquiditätsprobleme haben. Denn gerade Verkehrsdienstleister haben immens hohe Kosten, die vorfinanziert werden.
Und genau das wird in den nächsten Jahren vielen vormals gesunden Mittelständlern in der Branche das Genick brechen.

Verkehrs-Rundschau: Haben mittelständische Stückgut-Kooperationen angesichts dieser Situation mittelfristig in Deutschland überhaupt noch eine Überlebenschance?

Kükenshöner: Auf jeden Fall. Vielleicht nicht in der Vielzahl, wie wir sie heute vorfinden. Mittelfristig dürften, schätze ich, drei bis vier Allianzen von Stückgutspediteuren am Markt überleben. Denn mittelfristig bleiben diesen Kooperationen nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie legen ihr Netz mit dem einer anderen Allianz zusammen. Oder aber sie scheiden aus dem Markt aus, weil ihre Netze aufgrund der Insolvenzsituation im Gewerbe so ausgedünnt sind, dass sie ihren Kunden keinen flächendeckenden Service mehr bieten können.

Verkehrs-Rundschau: Das Modell Mittelstandskooperation im Sammelgutgeschäft hat also noch nicht ausgedient?

Kükenshöner: Keineswegs. Ich bin, wie bereits eingangs gesagt, nach wie vor von diesem Modell überzeugt. Sicherlich hat es sehr viele Vorteile, wenn man einem Konzern vorsteht. Viele Entscheidungen können rascher gefällt werden. Außerdem gelangt man sicherlich schneller zu einheitlichen Produktlösungen in einer einheitlichen Qualität. Unterschätzen Sie aber nicht die Vor-Ort-Kompetenz mittelständischer Speditionen. Sie haben den direkten Kontakt zum Kunden. Sie kennen exakt seine Bedürfnisse. Alles das ist gerade in den heutigen Zeiten ein sehr wichtiger Wettbewerbsvorteil.

Verkehrs-Rundschau: Widersprechen Sie damit nicht Ihrem vormaligen Paketdienst-Chef Rico Back? Er machte schließlich aus German Parcel einen Mittelstandskonzern, weil er nicht mehr an die Tauglichkeit des Kooperationsmodells glaubte.

Kükenshöner: Die Stückgutspeditionen haben zwar sehr viel von den Paketdiensten gelernt, insbesondere was die standardisierte und industrialisierte Abwicklung von großen Volumina angeht. Und doch darf man diese beiden System nicht in einen Topf werfen. Sie sind zwar ähnlich, aber doch in vielen Punkten höchst unterschiedlich. Dazu nur ein kleines Beispiel: Es gibt noch sehr viele Speditionskunden, die sich weigern ihre Colli mit einem Barcode-Label zu bekleben, was letztlich ja die Grundvoraussetzung für eine standardisierte Sendungsabwicklung ist. Im Paketgeschäft wäre dies hingegen die größte Selbstverständlichkeit. So lange dies so ist, wird es immer mittelständisch strukturierte Speditionen geben, sofern sie in starke Kooperationen wie System Alliance eingebunden sind.

Verkehrs-Rundschau: Auch im Massengeschäft wie im Stückgut?

Kükenshöner: Warum nicht? Ich könnte mir aber auch durchaus vorstellen, dass schon in wenigen Jahren mittelständische Speditionen nurmehr als "virtuelle" Unternehmen tätig sind, die über sehr viel IT- und Logistik-Know-how verfügen, und die übrigen Dienstleistungen wie das Transportgeschäft nurmehr einkaufen...

Daten + Fakten

System Alliance
System Alliance wurde am 1. September 2000 durch den Zusammenschluss der beiden Kooperationen System-Gut und Fortras gegründet. Heute sind an dem Verbund 15 mittelständische Speditions- und Logistikdienstleister als Gesellschafter beteiligt. Das System umfasst deutschlandweit 38 Partnerbetriebe. Zusätzlich werden internationale Relationen im Premium-Produktbereich über das europäische Netzwerk von SystemPlus bedient. System Alliance beschäftigt 10.000 Mitarbeiter, hat 6000 Verteilerfahrzeuge im Einsatz und erwirtschaftete 2001 4,3 Milliarden Euro Umsatz bei einem Sendungsvolumen von jährlich 8,6 Millionen nationalen Sendungen.

Verkehrs-Rundschau 14/2002
Von Eva Hassa

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