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04.01.2010

Endspurt für Feuerwerker


SILVESTER – Weil Feuerwerksartikel ein hohes Gefahrenpotenzial besitzen, ist
ihre Auslieferung zum Jahreswechsel ein Job für Experten. Die Transporte sind
durch enge Kooperationen gekennzeichnet.

Deutsche Unternehmen, die in der Feuerwerksbranche tätig sind, handeln vornehmlich mit Saisonware. Vor allem im November/Dezember setzen sie die Distribution ihrer Leuchtraketen, Kracher, Böller oder Fontänen in Gang. So erhellen diese zum Jahreswechsel in unzähligen Silvesterfeuerwerken den Himmel. Trotz des Zeitdrucks zum Jahresende spielen Sicherheitsaspekte eine wichtige Rolle. Zwar wird in Deutschland mittlerweile kaum noch Feuerwerk hergestellt, aber auch dessen Lagerung und Vertrieb sind strengen gesetzlichen Regelungen unterworfen. Das gilt auch für das Unternehmen Nico-Lünig Event, das allein 2008 pyrotechnische Produkte mit einem Gesamtgewicht von 1.083 Tonnen umsetzte. Das 60 Jahre alte Unternehmen war bis zur Jahrtausendwende Teil des Rheinmetall-Konzerns. Zu den Produkten gehörten früher auch Munition für Polizei und Bundeswehr. Die von Geschäftsführer Holger Schritt durch ein Management-Buy-Out aus dem Konzern herausgelöste Firma vertreibt heute mehr als 1.000 Feuerwerksartikel. Besonderes Know-how liegt bei Großfeuerwerken: Hier erledigen die Wuppertaler Pyro-Spezialisten alles von der Konzeption über die Organisation bis hin zum Aufbau, dem Abbrand und der Entsorgung. Für die Beförderung und das Handling von Explosivstoffen für Großfeuerwerke verlässt sich Nico-Lünig Event auf eine Handvoll Spezialtransporteure – wenn sich nicht eigene Mitarbeiter in den beiden unternehmenseigenen Spezialtransportern selbst auf den Weg machen. Für solche Transporte müssen alle Beteiligten über einen Befähigungsschein nach § 20 des Sprengstoffgesetzes verfügen. Nur deren Inhaber sind zum Umgang und Verkehr mit explosionsgefährlichen Stoffen berechtigt. Dies gilt jedoch nicht für den Transport von privat verbrauchten Feuerwerkskörpern, die in Deutschland üblicherweise in die Klassen I und II kategorisiert werden – eine Einteilung, die vor allem die Zugänglichkeit im Verkauf regelt. Feuerwerkskörper der Klasse I gelten als Kleinstfeuerwerke. Sie dürfen ganzjährig und auch von Minderjährigen erworben und benutzt werden. Dagegen darf Pyrotechnik der Klasse II nur an Volljährige verkauft werden, und das auch nur an den letzten drei Verkaufstagen eines jeden Jahres. Dieses enge Zeitfenster bildet dann aus speditioneller und logistischer Sicht auch die eigentliche Herausforderung in der Feuerwerkslogistik. Da die Lagerung von Feuerwerkskörpern räumlich streng reglementiert ist, muss angesichts der hohen Nachfrage im Silvestergeschäft für ständigen Nachschub gesorgt werden, und das unter Einhaltung aller Sicherheitsvorgaben. Nico-Lünig Event arbeitet seit September 2008 eng mit der Wuppertaler Niederlassung des Speditionsdienstleisters Raben Logistics zusammen. „Ein entscheidendes Kriterium ist für uns, dass wir über Raben Zugang zu System Alliance haben – und damit zu einem flächendeckenden Netzwerk, das Explosivstoffe mit dem nötigen Know-how deutschlandweit transportieren kann. Andere Stückgut-Kooperationen können das nicht“, erklärt Andreas Wittke, Lager- und Versandleiter bei Nico-Lünig Event. gefährliche ladung 12/2009 24 TRANSPORT + LOGISTIK Überhaupt wird die Zahl der Speditionen, die besondere Gefahrgüter wie Feuerwerk befördern, nicht gerade größer. Grundsätzlich befördert System Alliance Stoffe der Unterklassen bzw. Klassifizierungscodes 1.4G (UN 0336) und 1.4S (UN 0337). Artikel der Unterklasse 1.4S – zum Beispiel Knallerbsen, Wunderkerzen oder Chinakracher – können gemäß ADR in unbegrenzter Menge befördert werden. Lediglich in seltenen Ausnahmen bestehen Zusammenladeverbote mit Gefahrstoffen anderer Kategorien. Aufwändiger ist hingegen die Versendung von Feuerwerkskörpern der Unterklass 1.4G. Hier greift bei jedem Transport die so genannte 1.000-Punkte-Regel. Für die Berechnung der Punktzahl bildet bei Feuerwerkskörpern die Nettoexplosivstoffmasse (NEM) die entscheidende Größe. Bei pyrotechnischen Sendungen der Klasse 1.4G entspricht eine NEM von insgesamt 333 Kilogramm in der Beförderungseinheit 1.000 Punkten. Wird diese Freistellungsgrenze nach 1.1.3.6 ADR überschritten, müssen der Gefahrguttransport als solcher gekennzeichnet und die vorgeschriebenen Begleitpapiere mitgeführt werden. Es werden Anforderungen an das Fahrzeug und die Fahrzeugausrüstung gemäß 8.1.5 ADR in Kraft gesetzt. Dieselbetriebene Lkw dürfen nur 1.4G-Feuerwerk bis zu einer NEM von 3.000 Kilogramm befördern, auf EX/II-Fahrzeugen dürfen es nach 7.5.5.2.1 ADR maximal 15.000 Kilogramm sein. Eine Zusammenladung mit anderen Gefahrgütern verbietet sich. Zudem müssen die Fahrer mittels eines Aufbaukurses speziell für die Klasse 1 geschult worden und im Besitz einer dementsprechenden ADR-Bescheinigung sein. „Vom logistischen Standpunkt her müssen wir immer die Gesamtmengen und Zusammenladeverbote im Blick behalten, um sie organisatorisch und technisch zu bewältigen“, berichtet Stephan Bourel. Er leitet das Qualitätsmanagement von Raben Logistics, ist außerdem Gefahrgutbeauftragter und beaufsichtigt in dieser Funktion alle acht deutschen Niederlassungen des Unternehmens. „Unsere Aufgabe ist es, dass wir gezielt Fahrpersonal einsetzen, das mit der erforderlichen ADR-Bescheinigung für die jeweils gekennzeichneten Ladungen ausgestattet ist.“

Exakte Datenerfassung
Damit diese Abstimmung auch innerhalb des Netzwerks von System Alliance mit seinen 40 Regionalbetrieben funktioniert, ist vor allem eine exakte Datenerfassung notwendig. Hierbei müssen sich beide Seiten aufeinander verlassen können. Sämtliche Sendungen verpackt Nico-Lünig Event in UN-zugelassenen Kartons, die mit passenden Gefahrzetteln etikettiert werden. „In den Frachtpapieren, die wir von Nico-Lünig Event bei der Speditionsübergabe erhalten, ist jede einzelne Sendung akribisch genau aufgeführt“, lobt Bourel. Anschließend werden dann alle Beförderungspapiere von den Raben-Mitarbeitern in einen elektronischen Datensatz übertragen, damit die Gefahrgutladungen in der gesamten Transportkette schnell und mit dem nötigen Vorlauf kommuniziert werden können. Je früher Informationen weitergegeben werden, desto reibungsloser ist der Ablauf. Für den Transport der explosiven Gefahrstoffe setzt Raben nur so genannte Strecken- bzw. Direktverkehre ein. Teilpartien ab sieben Paletten werden in der Regel direkt an den Empfänger ausgeliefert. In den Hochzeiten im November und Dezember verlassen jeden Tag zwischen 120 und 150 Paletten das Betriebsgelände in Wuppertal. Grundsätzlich hat Sicherheit oberste Priorität. „Falls es zu Transporthindernissen kommt, greifen wir zum Telefon und erarbeiten gemeinsam rechtlich einwandfreie Alternativen“, erklärt Bourel. Nico-Versandleiter Wittke ergänzt: „Verstöße bei ADR-Transporten der Klasse 1 werden mit besonders hohen Bußgeldern bestraft. Ist beispielsweise ein Gefahrzettel nicht korrekt angebracht, können alle Glieder der Transportkette in ihrer jeweiligen Eigenschaft als Versender, Verlader, Beförderer oder Fahrer rechtlich dafür belangt werden, denn alle haben ihre Kontrollpflicht verletzt.“ Aus Erfahrung kann Wittke dabei nicht sprechen, denn bislang wurde noch bei keiner Gefahrgutkontrolle ein Bußgeld gegen ihn verhängt. Den größten Teil der Feuerwerkskörper importiert Nico-Lünig Event direkt aus China. Die in Übersee-Containern verpackten Waren werden auf dem Wuppertaler Gelände entladen und dann sortenrein palettiert. Die Retouren im Nach-Silvester-Geschäft übernehmen Raben und die Partner von System Alliance. Auch hier gibt es keine Kompromisse: Werden Beförderungs- und Verpackungsvorschriften nicht eingehalten, nehmen die Fahrer die Sendungen gar nicht erst an.

 

▪ es ist 1.000 Jahre her, dass in China die ersten Feuerwerke den Himmel illuminierten; in Europa wurden Feuerwerke erstmals im 14. Jahrhundert in Italien populär

▪ die deutschen Hersteller bzw. Importeure von Silvester-, Groß- und Bühnenfeuerwerk sind im Verband der pyrotechnischen Industrie(VPI) vereinigt; zu den größten Mitgliedern zählen Comet, Nico, FKW Keller und Weco

▪ die VPI-Mitgliedsunternehmen erwirtschaften einen Jahresumsatz von insgesamt 100 Millionen Euro – hauptsächlich an den letzten drei Tagen im Jahr, an denen Feuerwerk für Silvester im Einzelhandel verkauft werden darf

▪ in Verkaufsräumen darf Feuerwerk mit einer Bruttomasse von maximal 200 Kilogramm ausliegen, davon nur 40 Kilo als „lose Ware“; in Lagerräumen dürfen es maximal 1.000 Kilo Feuerwerk sein, wenn spezielle Brandschutzbestimmungen erfüllt sind; eine Zwischenlagerung auf Fahrzeugen ist verboten

▪ Sicherheit wird auch beim Gegenstand selbst groß geschrieben: geprüfte Feuerwerkskörper und Böller erkennt man an einer von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung vergebenen Zulassungsnummer

▪ beim Silvester-Feuerwerk war zuletzt ein deutlicher Trend zum Batteriefeuerwerk auszumachen, das in zahlreichen Varianten und mit unterschiedlichsten Effekten erhältlich ist – heute sind damit bei nur einmaliger Zündung eine Brenndauer von mehr als zwei Minuten und über 1.000 Schuss möglich

 

www.feuerwerk-vpi.de


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